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Anthroposophie


Was ist Anthroposophie?

Grundaspekte von Dietrich Esterl aus "Was bedeutet Anthroposophie für die Waldorfschule"

Steiner hat schon als junger Mensch erlebt, dass der Mensch in einer Welt lebt, von der nur ein Teil durch die äußeren Sinnesorgane und das Tagesbewusstsein wahrgenommen wird. Seine Biografie ist geprägt von einem dreifachen Bemühen:
1. für die Formen der Erfahrung der nicht-sinnlichen Welt eine bewusst erfahrbare Methode zu entwickeln, die jene Welt aus dem Bereich des reinen Glaubens in den der Wissenschaft überführt.
2. die Bedingungen und Wege der Schulung für diese »Geisteswissenschaften« zu entwickeln und darzustellen.
3. die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung in die praktische Gestaltung des individuellen und des gesellschaftlichen Lebens umzusetzen.

Drei Zielsetzungen der Anthroposophie
Alle drei Zielsetzungen münden in der Anthroposophie, von der Steiner als »Definition« einmal sagte, sie wolle »das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen«. Anthroposophie ist nach Steiner eine Erfahrungswissenschaft, wie es auch die moderne Naturwissenschaft ist. Er erkannte die Methoden und Ergebnisse der neuzeitlichen Wissenschaft voll an und stellt niemals einen Gegensatz zur Anthroposophie her. Aber er wies auch darauf hin, dass die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr zu einem eingeengten Weltbild geführt hat, weil sie alle Weltinhalte auf materielle, mechanische Ursachen reduzierte. Der Materialismus ist richtig und berechtigt, wenn es gilt, die Gesetze der Materie zu erkennen. Seine Methoden reichen aber nicht aus, um die Komplexität des Daseins zu erfassen. Und so sind entweder seine Ergebnisse unzureichend, oder er klammert weite Bereiche der Wirklichkeit aus, als seien sie nicht existent. Das aber hat Konsequenzen für das Leben auf der Erde, für den Umgang mit der Natur, mit den Menschen. Scharf formuliert könnte man sagen: Eine Wissenschaft, die die Welt als wertneutralen Mechanismus betrachtet, wird die Welt und den Menschen in ihr auch zu einem wertfreien Mechanismus gestalten. Das zwanzigste Jahrhundert hat diese Konsequenz demonstriert im rücksichts- und verantwortungslosen Umgang mit der Natur, in den menschenverachtenden politischen und wirtschaftlichen Systemen.

Ein großer Anreger des 20. Jahrhunderts

Steiner hatte solche Gefahren früh erkannt. Aus der Anthroposophie entwickelte er daher vielfältige Anregungen für eine zeit- und sachgemäße Erneuerung in vielen praktischen Lebensbereichen, der Landwirtschaft und der Ökologie, der Medizin, der Psychologie, der Pädagogik. Nimmt man die Wirkungen auf anderen Gebieten hinzu, z.B. auf allen künstlerischen Gebieten (Architektur, bildende Kunst, Theater, Sprachgestaltung, Bewegungskunst), in den Naturwissenschaften (Physik, Astronomie, Mathematik, Biologie, Physiologie), in den Geisteswissenschaften, mit denen sich Steiner in seinen Kursen, Vorträgen und Werken befasst hat, dann kann man ihn wohl als einen der großen »Anreger« im zwanzigsten Jahrhundert bezeichnen.

Anthroposophie als Erkenntnisbemühung
Nicht »Weisheit von Menschen« ist die richtige Interpretation des Wortes Anthroposphie, sondern: »Bewußtsein seines Menschentums«. Diese Formulierung Steiners zeigt, dass es ihm mit der Anthroposophie um eine Erkenntnisbemühung geht, die für den einzelnen Menschen die Grundlagen seines Mensch-Seins erhellen und das praktische Handeln in der Gegenwart befruchten soll. Selbständigkeit und Freiheit des Einzelnen sollen voll gewahrt sein.

Steiner forderte stets, die Inhalte der Anthroposophie als Ergebnisse seiner geisteswissenschaftlichen Erkenntnismethoden kritisch zu prüfen, sie nicht demagogisch aufzufassen. In diesem Sinne sind alle inhaltlichen Aussagen der Anthroposophie zu verstehen. Wie bei jeder Wissenschaft ist dabei auch in der Anthroposophie der methodische Weg, auf den die Erkenntnisse erreicht werden, zu berücksichtigen.

Die Bedeutung des Denkens für den Menschen
Für Steiner ist die Welt eine Einheit. Der Mensch trennt sie durch sein Bewußtsein in eine Außen- und eine Innenwelt. Mit seinem leiblichen Organismus ist er eingebunden in die Kräfte der Natur, mit seiner geistigen Existenz ist er eingebunden in die Welt, die der äußeren Erscheinungswelt als geistige Ursache zugrunde liegt. Im Denken erkennt Steiner die Tätigkeit, durch die der Mensch die beiden Seiten der Wirklichkeit zu verbinden vermag. Damit ist der Mensch gestaltend und sich entwickelnd in die Weltprozesse hineingestellt. Es gilt als auf der einen Seite das Wesen der Weltprozesse, auf der anderen Seite das Wesen des Menschen zu erfassen.

Die Welt des Organischen erfassen

In der Naturwelt unterscheidet Steiner Bereiche verschiedener Qualität. Die Welt des Stofflich-Mineralischen folgt anderen Gesetzen als die des Organisch-Lebendigen. Hier greift eine eigenständige »Wirklichkeit« in das Stoffliche ein, prägt es, gestaltet es in der Zeit. Wie ein geschultes mathematisch-physikalisches Denken die Gesetze der materiellen Welt erfassen und erkennen kann, so kann das Denken diese lebenstragende und -gestaltende Wirklichkeit in einer dieser Welt entsprechenden Methodik erfassen. In der Schulung dieses Denkens schließt Steiner an Goethe an. Um in die Gesetze des Lebendigen einzudringen, muss das Denken die Qualität des Tätig-Schöpferischen erüben, muss die Gestaltungs- und Verwandlungsprozesse, die im Organischen wirksam sind, in sich selbst schaffen. Das Denken erhält damit auch eine künstlerische Qualität. Steiner nennt diese Form des Erkennens »imaginativ«. Die Kraft oder die Wirklichkeit, die in den Lernprozessen organisierend, gestaltend, erhaltend zu Ausdruck kommt, nennt er das »Ätherische«.

Eine Pflanze zeigt sich in der Außenwelt stets nur als ausschnitthafte Erscheinung in einem bestimmten Zustand Ihres Wachstums, ihres »Lebens«. Sie ist Same, Schössling, blühend, Frucht tragend, welkend. Sie entwickelt die in ihrer Art liegenden Formen dabei abhängig von den besonderen Bedingungen ihrer Umgebung, von Licht, Wärme, Wind, Wasser, Bodenbeschaffenheit usw. Das Ganze der Pflanze, ihr Wesen liegt in dem Gestaltungsprozess, den sie durchläuft. Dieser Prozess ist als »ideelle Anschauung«, wie Goethe es nannte, durch ein aktives, an den Gestaltungsgesetzen der Pflanze sich orientierendes Denken zu erfassen. Das Denken muss selbst lebendig werden, um die Wirklichkeit des lebendigen zu erfassen.

In der Anthroposophie geht es also darum, die Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Bewusstseins durch eine an den Prozessen der Erscheinungswelt kontrollierte Schulung zu erweitern.

Die Welt des Seelischen erkennen
Die Welt des Seelischen bedeutet wiederum einen qualitativ anderen Bereich der Wirklichkeit. Sie zeigt sich in der Welt als Ausdruck einer Innerlichkeit, die sich durch die lebendige leibliche Gestalt offenbart. Das Seelische selbst ist mit den Sinnesorganen und einem auf das Sinnliche gerichteten Denken nicht unmittelbar wahrnehmbar. Das eigene Seelische nehmen wir mit großer Intensität wahr, weil wir vorstellend, fühlend und wollend in ihm leben. Um das Seelische außerhalb unseres eigenen Wesens erkennend zu erfahren, muss die Fähigkeit erübt werden, eine andere Innenwelt im eigenen Innern sich aussprechen zu lassen. Das heißt, bei größter Aufmerksamkeit und Wachheit das eigene Innere zum Schweigen zu bringen, sodass ein anderes Seelisches sich im eigenen Erleben zeigen kann. Steiner nennt diese Form der Erkenntnis »inspirativ« (den Wirklichkeitsbereich des Seelischen das »Astralische«).

Das Geistige bewusst erfahren
In der Innenwelt des Seelischen lebt das Geistige. Insofern der Mensch ein individuelles Wesen ist, ein »Ich«, das sich durch das Seelische in einem lebendigen Leib tätig offenbart, zeigt er sich als geistiges Wesen. Durch dieses Ich kann der Mensch bewusst das eigene geistige Wesen erfahren und anderen geistigen Wesen bewusst begegnen. Für die Anthroposophie ist dieser geistige Bereich die eigentliche »Ur«-Sache der Wirklichkeit.Um hier zu wirklichen Erkenntnissen zu gelangen, muss die Fähigkeitgeschult werden, sich mit dem ganzen eigenen Wesen mit einem geistigen Inhalt verbinden zu können. Steiner nennt diese Form der Erkenntnis »intuitiv«.

Vier Ebenen der Wirklichkeit

In der Welt, die uns umgibt, durchdringen sich also verschiedene Ebenen der Wirklichkeit. Sie erscheinen zunächst in der Welt des Stofflich-Mineralischen, der »toten« Welt der Materie, dann in der Ebene des Lebendig-Organischen, das die Stofflichkeit ergreift, formt und verwandelt, wie wir es in der Welt der Pflanzen wahrnehmen. Mit den Tieren tritt eine Innenwelt in Erscheinung, die im Menschen zum Wirkungsfeld des Geistes wird. Der Mensch hat also Anteil an allen Naturreichen, ist auf der Erde aber darüberhinaus ein individuelles geistiges Wesen.

Studium und Erkenntnis der Welt bedeuten in der Anthroposophie also Studium und Erkenntnis des Menschen – und umgekehrt – ,weil der Mensch Glied eines »Kosmos«, einer Weltordnung ist.